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Wie ein Attentat in Berlin den Armenier-Genozid publik machte

Heute vor 96 Jahren erschoss der armenische Student Soghomon Tehlirian in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg den vormaligen osmanischen Innenminister Talaat Pascha, der als einer der Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern gilt.
Talaat wurde 1919 durch ein osmanisches Gericht als Kriegsverbrecher verurteilt. Um der Strafvollstreckung zu entgehen, war Talaat Pascha, der für seine Verantwortung beim Völkermord in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, nach dem Krieg mit deutscher Hilfe nach Berlin geflüchtet, erhielt Asyl und lebte dort mit einer neuen Identität fortan unter dem Namen Ali Sai. Von Berlin aus arbeitete der für seine Verbrechen zum Tode verurteilte Talaat an einem politischen Comeback in der Türkei.

Der Student Tehlirian spürte Talaat auf und erschoss ihn am hellen Tag in der Nähe seiner Wohnung auf der Hardenbergstraße, Ecke Fasanenstraße. Am 2. Juni 1921 beginnt unter den Augen der Weltöffentlichkeit in Berlin der Prozess gegen Tehlirian. „Ich habe einen Menschen getötet, aber ich bin kein Mörder“, sagt Tehlirian vor Gericht. Von der deutschen Bevölkerung kaum wahrgenommen, gelangt der Völkermord an den Armeniern durch die Schilderungen des armenischen Studenten erstmals an die Öffentlichkeit. Unter den Zuschauern die den Prozess verfolgten befand sich auch der polnisch-jüdische Student Raphael Lemkin, der das Leiden des armenischen Volkes mitbekam und daraus resultierend Jahre später als Jurist den Begriff „Genozid“ schuf. Auf ihn geht die UN-Völkermordkonvention zurück.

Tehlirian hatte seine Familie von 85 Personen durch den Völkermord an den Armeniern 1915 während des Ersten Weltkrieges verloren. Ein Geschworenengericht spricht Tehlirian nach zwei Prozesstagen und einer Stunde Beratung als „nicht schuldig“ frei. Nicht nur Armenier jubeln jetzt in Berlin-Moabit. Mit Blumen und Pralinen empfangen unbeteiligte Deutsche Tehlirian, als er aus der Untersuchungshaft tritt. Nicht der Täter Tehlirian, sondern das Opfer Talaat gehört auf die Anklagebank war die einhellige Meinung in der Presse. Erst später wurde bekannt: Tehlirian handelte im Auftrag des geheimen armenischen Kommandos „Operation Nemesis“, das die Täter des Genozids an den Armeniern in Form einer Selbstjustiz verfolgte und tötete, da Deutschland eine Auslieferung der verurteilten Kriegsverbrecher des jungtürkischen Triumvirats verweigerte.

1943 wurde Talaat Paschas Leichnam, der bis dato auf einem Ehrengrab auf dem Türkischen Friedhof in Berlin begraben lag, von Adolf Hitlers NS-Regime in einem pompösen Staatsakt nach Istanbul überführt. Talaats Grab befindet sich noch heute mit weiteren Tätern des Völkermordes auf einem Ehrenmal im Istanbuler Zentrum, unweit des türkischen Justizpalastes.

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