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Buchtipp

Erstmals auf Deutsch: Auroras berühmter Zeitzeugenbericht vom Genozid an den Armeniern

Ausschnitt aus dem Stummfilm „Ravished Armenia“ (1919), über die Erfahrungen von Arshaluys Mardigian als Überlebende des Genozids an den Armeniern

Unmittelbar nachdem sie 1917 den Türken entkam, begann Aurora Mardiganian als eine der wenigen Überlebenden des Völkermords an den Armeniern, von ihren Erfahrungen während des Genozids zu berichten.

Aurora Mardiganian wurde 1901 in Ostarmenien als Arshaluys Martikian geboren und war die Tochter eines Bankiers. Mardiganians Vater und Bruder fielen den Massakern an den armenischen Christen zum Opfer. Während der Todesmärsche verlor sie die verbliebenen Familienmitglieder. 1917 kann sie mithilfe der amerikanischen „Near East Foundation“ in die Vereinigten Staaten fliehen. Es heißt, dass ihr in den USA empfohlen wurde den ursprünglichen Namen zu ändern, um ihre wahre Identität zu verschleiern und einer möglichen Verfolgung durch Türken zu entkommen.

In New York hat Mardiganian Aufklärungsarbeit zum Völkermord an den Armeniern betrieben und wurde in der Presse als die armenische Jeanne d’Arc bezeichnet, weil sie auf die Gräueltaten aufmerksam machte. Dort traf sie dann auch den jungen Journalisten und Drehbuchautor Harvey Leyford Gates. Er half ihr bei der Niederschrift ihrer Erinnerungen die 1918 in dem Buch „Ravished Armenia“ (deutsch: „Geraubtes Armenien“) veröffentlicht wurden. Gates‘ Frau, die Schriftstellerin Eleanor Brown Gates, wurde kurze Zeit später Auroras gesetzlicher Vormund.

Das Buch, welches für großes Aufsehen sorgte und zum Bestseller wurde, diente wiederum als Grundlage für ein Drehbuch. In dem Stummfilm von Regisseur und Schauspieler Oscar Apfel, der unter dem Titel „Auction of Souls“ (deutsch: „Auktion der Seelen“) von November 1918 bis Januar 1919 produziert wurde und in London Premiere feierte, spielt Aurora Mardiganian sich selbst in der Hauptrolle. Erstmals wurde damit in einem Film der Genozid an den Armeniern thematisiert. Die bekannte Filmszene in der gekreuzigte Frauen gezeigt werden, war allerdings eine filmische Inszenierung, die in Wirklichkeit wesentlich brutaler war. In Interviews gab Mardiganian an, dass die Frauen während des Genozids vergewaltigt und im Anschluss durch „Aufspießen“ auf spitzen Holzpfählen ermordet wurden. Da man dieses Bild jedoch den Zuschauern nicht zumuten wollte, entschied sich die Filmproduktion daher für eine „weniger brutale“ Kreuzigung zur Veranschaulichung der schrecklichen Vorgänge.

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Durch den Film wurde Aurora zum gefeierten Star, reiste zu zahlreichen Premieren und Matineevorstellungen, bis sie 1920 während einer Soiree in Buffalo vor Erschöpfung in Ohnmacht fiel. Daraufhin traten sieben junge Frauen wechselweise als Auroras Double auf.

Ihr authentischer Augenzeugenbericht „Ravished Armenia“ wurde seit seiner Erstveröffentlichung 1918 bereits in zwanzig Sprachen übersetzt. Der Leidensweg des Mädchens erscheint nun unter dem Buchtitel „… meine Seele sterben lassen, damit mein Körper weiterleben kann“ nach hundert Jahren erstmals auf Deutsch und lässt uns auch hierzulande, wo eine gründliche historische Aufarbeitung des türkischen Völkermords an den Armeniern nach wie vor aussteht, die Schrecken jener Ereignisse erahnen. Schonungslos und eindringlich erzählt Aurora Mardiganian von ihren Erlebnissen während der Todesmärsche, der Gefangenschaft in den Häusern von Türken, den Raubzügen kurdischer Reiter, den Massakern an ihrem Volk, ihrem sechsmonatigen Umherirren in der Steppe und schließlich ihrer Rettung und Übersiedlung nach Amerika.

Mardiganian starb 1994 in Los Angeles. Nach ihr wurde der »Aurora-Preis zur Förderung der Menschlichkeit« benannt, der jährlich von der Aurora Humanitarian Initiative vergeben wird.

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