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Meinung

Von Mutter zu Mutter – die Waffe des Aushungerns in Bergkarabach

Die Armenierin Mariam Sargsyan versucht am Ende eines langen und kalten Tages in Stepanakert am 30. Tag der Lachin-Blockade, ihre 1 Monat alte Tochter zum Schlafen zu bringen. (Foto: Siranush Sargsyan)

Ein Offener Brief an Außenministerin Annalena Baerbock

Sehr geehrte Frau Baerbock,

seitdem Sie die verantwortungsvolle Aufgabe der Außenministerin für unser Land Deutschland inne haben, ist Ihre Stimme in der Welt nicht mehr zu überhören. Sie erheben sie klar zum Thema Gerechtigkeit, Krieg und Frieden. Aber besonders deutlich sprechen Sie auf höchster Ebene immer wieder das Schicksal von Kindern an, deren Leben durch Krieg, Rassismus und Hunger bedroht ist. Während Ihres Besuches in Yad Vashem stockte Ihnen der Atem beim Anblick der vielen Bilder ermordeter Kinder. Und auch das Leid unzähliger Kinder in Afrika und dem Nahen Osten, die aufgrund von Hunger am Rande des Überlebens stehen, ist für Sie ein Thema, erst recht, nachdem die Getreideexporte aus der Ukraine nicht mehr fortgesetzt werden konnten.

Dass Sie als Ministerin diese Themen mit Mitgefühl immer wieder zum Ausdruck bringen, hat gewiss auch etwas damit zu tun, dass Sie eine Mutter sind.

Hunger ist schlimmer als Krieg!

Das hat auch die Künstlerin Käthe Kollwitz mit ihren zu Herzen gehenden Bildern von hungernden Kindern und verzweifelten Müttern, die ihnen kein Brot geben konnten, zum Ausdruck gebracht. Mitten in Berlin gibt es dazu ein beeindruckendes Mahnmal von ihr.

Ich schreibe Ihnen heute diesen Brief auch als Mutter und jemand, der sich jahrelang in Kriegs- und Nachkriegszeiten für armenische Kinder im Libanon einsetzte. Diese Kinder waren die Nachfahren der Armenier, die während des Ersten Weltkriegs (etwa 1,5 Millionen) durch den osmanischen Sultan und die Jungtürkische Regierung in ihrer jahrtausendalten Heimat systematisch durch Massaker ausgerottet wurden. Aushungern war dabei eine der brutalsten, aber erfolgreichen Waffen. Deutschland, als ergebener Freund der Türkei hätte diesem Morden Einhalt gebieten können, wenn es damals seine Stimme für die armenischen Christen im Osmanischen Reich erhoben hätte.
Nur einer, Pastor Johannes Lepsius aus Berlin versuchte es. Doch seine Stimme dem armenischen Volk beizustehen, das in den Tod geschickt wurde, hat man zum Schweigen gebracht .

Aber nun scheint sich die Geschichte des Völkermordes am armenischen Volk heute, im Jahr 2023 zu wiederholen.

Dass Aserbaidschan die einzige Verbindungsstraße – den Latschin Korridor – zwischen Armenien und dem von Armeniern besiedelten Bergkarabach seit 225 Tagen blockiert, ist ein brutales, Menschen verachtendes Vorgehen. Diese 120.000 dort lebenden armenischen Menschen haben seit acht Monaten keinen Zugang mehr zu Nahrungsmittelnachschub und medizinischer Versorgung. Auch die Gas-, Wasser- und Stromversorgung ist täglich stundenlang unterbrochen.

Aus dem in diesem Monat in New York verfassten Expertenbericht zur Situation der Armenier in Bergkarabach will ich nur einen Satz weiterleiten:

„Es gibt keine Krematorien, und es gibt keine Machetenangriffe. Der Hunger ist die unsichtbare Waffe des Völkermordes. Ohne sofortige dramatische Veränderungen wird diese Gruppe von Armeniern in wenigen Wochen vernichtet sein!“ – Luis Moreno Ocampo, ehemaliger Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs.

Sehr geehrte Frau Außenministerin, bitte erheben Sie für diese bedrohten Menschen Ihre unüberhörbare Stimme. Wenn Sie als Vertreterin Deutschlands und die Ampel-Regierung nicht gewissenlos und tatenlos dem Drama der Armenierinnen und Armenier in Bergkarabach zusehen wollen, dann muss die Deutsche Regierung alles tun, um diese Menschen vor dem Hungertod zu bewahren.

Mit freundlichen Grüßen
Anneliese Spangenberg,
Königsfeld im Schwarzwald

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