Folgen Sie uns

Hallo, wonach suchen Sie?

Meinung

Genozidleugnung: Jürgen Todenhöfer biedert sich an

Der Kriegsreporter und Publizist Jürgen Todenhöfer hat die Armenien-Resolution des Bundestages kritisiert und die Faktizität des Völkermords an den Armeniern mit Leugnerargumenten der türkischen Regierung infrage gestellt.

Jürgen Todenhöfer, 2008 (Foto: Hydro, Wikipedia, CC BY-SA 2.0)

Offener Brief der Initiative Anerkennung Jetzt

Sehr geehrter Herr Jürgen Todenhöfer,

der SPIEGEL hat Sie in seiner Ausgabe 3/2016 in Bezug auf Ihre Darstellung des so genannten „Islamischen Staates“ (Daesh) als „Märchenonkel“ betitelt. Mit großem Entsetzen mussten wir feststellen, dass erneut selbiger Titel auf Sie und Ihre Darstellung des Völkermords an den Armeniern zutrifft.

Am 2. Juni verabschiedete der Bundestag mit einer bemerkenswerten und unüblichen Mehrheit – lediglich eine Gegenstimme und eine Enthaltung – eine fraktionsübergreifende Resolution und erkannte damit die Vernichtung der Armenier und anderer christlicher Minderheiten als Völkermord an. Das ist umso bedeutsamer, da das Deutsche Kaiserreich eine Mitschuld am türkischen Völkermord an den Armeniern trägt – die Archive des Auswärtigen Amts in Berlin belegen dies auf erdrückende Art und Weise. Wir legen Ihnen dringend nahe diese einmal zu besuchen!

Für Sie handelte es sich damals lediglich um „Deportationen“. Den historisch erwiesenen Völkermord an den Armeniern relativieren Sie in selber Manier, wie es Leugner des Holocausts tun – „die Tötung von […] Türken durch die Angreifer war genauso kriminell“, ist Ihre Argumentation. Dabei schrecken Sie auch nicht davor zurück sich maßgeblich auf umstrittene Thesen des US-amerikanischen Professors Justin McCarthy zu stützen, der für seine Leugnung des Völkermords an den Armeniern international bekannt ist. So wie David Irving, der für die Holocaustleugner ein „Wissenschaftlicher“ ist, ist McCarthy das entsprechende Pendant für die Leugner des Völkermordes an den Armeniern.

Historiker weltweit sind sich einig: Es war Völkermord

Herr Todenhöfer, ob es sich bei den Massakern 1915 um einen Völkermord gehandelt hat oder nicht, ist keineswegs „streitig“, wie Sie es in Ihrem Facebook-Statement nach der Verabschiedung der Völkermord-Resolution des Bundestages suggerieren. Dieser Völkermord ist außerhalb der Türkei nirgendwo umstritten.

„Historiker und Genozidforscher sind sich international nahezu geschlossen einig darin, dass es sich bei den Taten der damaligen türkischen Regierung um einen Völkermord handelte.“ – Historiker Jürgen Zimmermann jüngst in einem SPIEGEL-Interview.

Auch die 126 internationalen Genozidforscher, die bereits am 9. Juni 2000 einen gemeinsamen Aufruf zur Anerkennung des Völkermords an den Armeniern veröffentlichten, bestätigten die Faktizität des Genozids in der New York Times. Ebenso sieht die Internationale Vereinigung von Völkermordforschern (IAGS) den Völkermord als erwiesen an.

Der Völkermord an den Armeniern ist nach dem Holocaust der meist erforschteste Völkermord weltweit. Es existieren immer noch Stimmen und Historiker, die etwa den Holocaust leugnen. Dennoch würde sich heute kein seriöser Journalist Ihrer Argumentation bedienen und auf Grund einer ins Verhältnis gesetzt verschwindend geringen Minderheit von leugnenden Historikern behaupten, es sei daher „streitig“, ob es sich bei der Vernichtung der Juden um einen Völkermord handelte oder nicht. Denn das ist schlichtweg absurd.

Wir, die Initiative Anerkennung Jetzt, leisten eine aktive Aufklärungsarbeit. Denn nur so kann eine Basis für Frieden und Aussöhnung geschaffen werden. Dies scheinen Sie sich offensichtlich nicht auf Ihre Stirn geschrieben zu haben. Seit etwa einem Jahrzehnt bedienen sich bereits türkische Völkermordleugner – die bedauerlicherweise bis heute eine Mehrheit der weltweiten türkischen Bevölkerung ausmachen – den selben Leugnerthesen: Eine Historikerkommission solle einberufen werden, dessen Ergebnis die Türkei angeblich anerkennen wolle. Die armenischen Archive seien geschlossen, die türkischen offen.

Lesen Sie auch:  Armenien ist bereit, die Beziehungen zur Türkei zu normalisieren

Bereits mit einer 1-minütigen Google-Recherche hätten Sie, Herr Todenhöfer, erfahren, dass all diese Leugnerthesen – die Sie als Jurist öffentlich propagiert haben – nachweislich Unwahrheiten sind. Sie hätten Ihre hohe Facebook-Reichweite für etwas produktives einsetzen können. Für Aufklärung, Gerechtigkeit und die Wahrheit – der Sie sich doch bei den sonstigen Themen stets verpflichtet fühlen. Stattdessen fördern Sie eine professionelle, staatlich betriebene Völkermordleugnung und wiederholen die ewiggestrigen, lange widerlegten türkischen Leugnerthesen.

Es ist erschreckend – aber gerade auch bezeichnend und sehr aussagekräftig – dass Ihr Statement mehrheitlich von ohnehin leugnenden deutschen Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund begrüßt und geteilt wurde. Diese fühlen sich nun in ihrer Leugnung des Völkermords bestätigt – das ist fatal und verheerend für eine dringend notwendige und überfällige Aufklärung zu diesem Thema innerhalb der türkischen Bevölkerung.

Stattgefundene Historikerkommissionen werden verschwiegen

Herr Todenhöfer, was Sie und die türkische Seite verschweigen: Gleich mehrere Historikerkommissionen haben bereits seit 2001 stattgefunden. Alle Kommissionen kamen zu dem gleichen Ergebnis: Es war Völkermord! Die Türkisch-Armenische Versöhnungskommission (TARC) wurde 2001 gegründet und kam zu diesem Ergebnis. Auch die Historikerkonferenz mit 160 internationalen Historikern in Berlin 2015 kam zu diesem Ergebnis. Dennoch fordert die Türkei immer wieder, obwohl mehrfach stattgefunden und die Ergebnisse bekannt sind, die Einberufung einer solchen Historikerkonferenz im Rahmen ihrer aggressiven Leugnungskampagne und behauptet beharrlich weiter, dass Armenien dies verhindern würde.

  • Warum verschweigt die Türkei, und auch Sie Herr Todenhöfer, dass die ewig geforderte neutrale internationale Historikerkommission bereits mehrfach stattfand?
  • Warum scheut sich die Türkei die Ergebnisse der stattgefundenen internationalen Historikerkommissionen – wie seit jeher angekündigt – anzuerkennen?
  • Hat sie Angst vor vorurteilsfreiem juristisch-historischem Sachverstand?

Bei einem Verbrechen wie Völkermord, Täter und Opfer klar und unmissverständlich zu benennen, hat nichts mit „an den Pranger stellen“ zu tun, wie Sie behaupten. Das Aussprechen einer historischen Wahrheit ist Grundlage für Anerkennung und Aussöhnung und kann niemals opportunistisch oder eine Anklage sein.

Jedoch ist das Bedienen von lange widerlegten türkischen Leugner-Argumenten, sowie eine klassische Täter-Opfer-Umkehr, wie Sie sie im Fall der ermordeten Armenier durchführen, in jedem Fall „verdammt opportunistisch“, denn Sie wissen genau, dass Sie mit der Verbreitung dieser Leugner-Propaganda eine große Mehrheit von Türken für sich und Ihre Sache, abseits des Völkermords, gewinnen können. Die Reaktionen im Kommentarbereich unter Ihrem Facebook-Statement sind der Beweis.

Mit Ihrer großen Reichweite hätten Sie so viel zur Aufarbeitung und Aufklärung beitragen können. Stattdessen entschieden Sie sich für das genaue Gegenteil! Sie, Herr Todenhöfer, haben mit Ihrem Statement maßgeblich dazu beigetragen, dass Armenier von Türken in Deutschland ein weiteres Mal stigmatisiert und als „Lügner“ gebrandmarkt werden können. Dies führt wiederum dazu, dass noch mehr Hass geschürt wird – eine Schande!

„Anerkennung Jetzt“ ist eine zivilgesellschaftliche Initiative von zumeist jungen Aktivisten aus dem gesamten Bundesgebiet und wird von mehreren Hundert Personen unterstützt. Seit 2013 hat sich die Initiative Anerkennung Jetzt zum Ziel gesetzt, die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern, Aramäern/Assyrern und Pontosgriechen zu erreichen und die Debatte in Politik und Gesellschaft kritisch und konstruktiv zu begleiten. Die Initiative arbeitet unabhängig und ist keiner Institution, Organisation und keinem Dachverband untergeordnet.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Weitere Themen

Politik

Ein Bericht der US-amerikanischen Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) hält fest, wie armenische Gräber in Aserbaidschan und der Türkei zerstört wurden. In dem Anfang...

Türkei

In der armenischen Kirche Sourp Yerrortutyun (Heilige Dreifaltigkeit) in der türkischen Stadt Malatya fand der erste Gottesdienst nach 106 Jahren statt. Die Kirche befindet...

Politik

In einem Fünf-Jahres-Aktionsplan der Regierung, der am Donnerstag von der armenischen Legislative verabschiedet wurde, heißt es, dass „Armenien bereit ist, sich um eine Normalisierung...

Politik

In einem Social Media Statement fordert der NBA-Star von der Türkei sich den vergangenen und aktuellen türkischen Verbrechen zu stellen.