Folgen Sie uns

Hallo, wonach suchen Sie?

Panorama

Der unvergessene Sarkis Hatspanian

Am 12. Februar wäre Sarkis Hatspanian 59 Jahre alt geworden. Anlass genug um auf die Stationen des bewegten Lebens des Freiheitskämpfers, Brückenbauers und Intellektuellen zu blicken.

„Wo bleibst du?“, fragt das Mütterchen den sich nähernden Soldaten. Mit ihren trüben Augen schaut sie auf den jungen Mann auf, der mit seiner Einheit in das Dorf einzieht. Der Soldat beruhigt das Mütterchen auf Türkisch, die doch so lange gewartet hat. Doch es ist kein Aserbaidschaner, wie sie irrtümlich annimmt, sondern der armenische Freiheitskämpfer Sarkis Hatspanian. Sarkis spricht mit dem alten Mütterchen aus Kelbacar (armenisch: Karwatschar), die von ihren Angehörigen zurückgelassen wurde. Er beruhigt sie und versichert, dass ihr nichts geschehen wird.

„Unser Kampf geht gegen den Feind, der seine Waffen auf uns gerichtet hat. Wir kämpfen nicht gegen die friedliche zivile Bevölkerung. Im Gegensatz zu den aserbaidschanischen Kriegern und Soldaten erheben wir keine Waffe gegen unbewaffnete Menschen, wir quälen sie nicht und beleidigen ihre Würde nicht“, erklärt Sarkis Hatspanian beim Einmarsch in Karwatschar öffentlich.

Das ikonografische Foto von Sarkis Hatspanian mit dem alten aserbaidschanischen Mütterchen im ersten Bergkarabach-Krieg stammt aus jenen Tagen des April 1993. Ganz vertraut legt die Greisin ihren Arm um den armenischen Soldaten Sarkis Hatspanian in Kampfmontur mit Kalaschnikow, er senkt seinen Kopf zu ihr und wirkt trotz der Waffe in seiner Hand so entwaffnet; er spricht sie respektvoll mit Mutter an. Vertrautheit, und Zuneigung spricht aus Zaven Khatchikyans Fotografie von Sarkis Hatspanian, das wenig später von der französischen Tageszeitung Libération abgedruckt wird. Über Agenturen wird es in der Welt bekannt, viele Organisationen wie das Rote Kreuz nutzen das Foto für die Karabachhilfe und als Zeichen, dass Humanität im Krieg doch möglich ist. Und Sarkis wird damit zum Symbol für Menschlichkeit im Krieg.

Diese Wahrheit war der türkischen Zeitung Milliyet zu viel. Sie verbindet das Foto von Sarkis mit dem Mütterchen kurz nach der Veröffentlichung in der Libération mit einer typischen Kriegslüge. Die alte Frau, so die Milliyet, verabschiede liebevoll ihren aserbaidschanischen Enkel, damit er endlich Rache an den Armeniern nehmen könne, lautet die türkische Version zu Sarkis Hatspanians Foto aus Karwatschar. Davon, dass der Sohn der abgebildeten Frau, der örtliche Polizeipräsident, mit allen Männern geflohen war und die Alten ihrem Schicksal überlassen hatte, erfahren die Leser der Milliyet nichts.

Sarkis Hatspanian zeigt das Humanität im Krieg möglich ist

Auch der armenischer Freiheitskämpfer Sarkis Hatspanian erfährt nichts von der Verbreitung des Fotos. Er ist in diesen Tagen mit seiner Einheit in dem tobenden Krieg mit der Befreiung von Karwatschar beschäftigt, jener Region, in der das historische armenische Dadiwank-Kloster aus dem 9. Jahrhundert liegt. Militärisch von größter Bedeutung sollte es im ersten Bergkarabach-Krieg einen entscheidenden Vorteil für den Ausgang des Krieges bergen. Dass Sarkis türkisch spricht, ist keine Besonderheit, wurde er doch im historischen Alexandrette, gegründet von Alexander dem Großen um 333 v. Chr., dem heutigen Iskenderun am Zipfel zwischen Syrien und der Türkei, geboren. Eine Perle des letzten armenischen Königreich Kilikiens, unweit des Musa Dagh, Schauplatz des heroischen Kampfes der Armenier gegen ihre Vernichtung, dem Franz Werfel mit „Die 40 Tage des Musa Dagh“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Sarkis stammt von einer alten armenischen Familie aus Adiyaman ab, die 1915 während des Völkermordes in langen Todesmärschen in das „Nichts“ getrieben wurde, wie es der verantwortliche Talaat Pasha einst formulierte. Der preisgekrönte Schriftsteller Navid Kermani hat Sarkis Hatspanian in Jerewan interviewt und schreibt in seinem Buch „Entlang der Gräben“ was Sarkis ihm über seine Familie berichtet: „Er kennt seinen Familienstammbaum bis ins Jahr 1792 und weiß von sechsundachtzig Verwandten, die bis 1915 lebten. Nur drei haben den Völkermord überlebt, sein Großvater und zwei Großtanten. Heute sind es wieder neunundachtzig Verwandte. Sarkis Hatspanian hat die Zahl stets vor Augen: drei mehr als vor dem Genozid.“, schreibt Kermani.

Sarkis in Iskenderun 1976: v.l. seine Oma Hripsime Manoushian, Mariam und Khanum Hatspanian (Großtanten), Hagop Kısalıyan (Eheman einer Großtante), alle Genozidüberlebende. v.r. seine Eltern Mariam und Kevork Hatspanian.

Sarkis Großmutter mütterlicherseits, Hripsime, ist die Cousine des armenischen Résistancehelden Misak Manuschian, der im selben Todestreck mit seiner Cousine Hripsime samt der Großfamilie aus Adiyaman in den geplanten Völkermord getrieben wurde. Hripsime überlebt, geraubt von Kurden, so wie Misak, der in ein Waisenhaus in Syrien gerettet wird, um später in Frankreich anzukommen – so wie viele Armenier seinerzeit. Sarkis Verwandter Misak, Überlebender des von Türken verübten Völkermordes wird in der neuen Heimat Frankreich aktiv in der Résistance und avancierte zum Nationalhelden Frankreichs für seinen Kampf gegen die Nazis.

Vor der Geburt Sarkis siedelte die Familie von Adiyaman nach Iskenderun. Sein Vater Kevork erkennt, dass die Bildung der Schlüssel für die Zukunft seines Sohnes ist. Mit 7 Jahren wird Sarkis nach Istanbul geschickt, damit er eine klassische armenische Bildung erhält. Auch wenn Sarkis Mutter Mariam sich weigert, ihren Sohn in die Fremde herzugeben, wird er von seinem Vater ins ferne Istanbul geschickt. Er kommt in die Karagözyan Grundschule, das auch als Waisenhaus dient und vielen Söhnen, die von armenischen Familien aus Anatolien nach Istanbul geschickt werden, aufnimmt. Sein Abitur legt er am Surp Hatsch Tibrevank Gymnasium ab, die Schule, die auch Hrant Dink besuchte. Nur kurze Zeit ist er als Student in Istanbul eingeschrieben: Er muss aus der Türkei wegen seiner politischen Aktivitäten gegen die Militärjunta flüchten. Nach einer kurzen Station bei seiner Schwester Satenik in Deutschland siedelt er nach Frankreich über und studiert in Paris Rechtswissenschaften an der Sorbonne, später wechselt er an die Universität nach Aix-en-Provence, um das Studium der Filmwissenschaften anzuschließen. Als aktives Mitglied in der armenischen Community Frankreichs, in der er vielen geflüchteten armenischen Familien mit seinem juristischen Fachwissen weiterhilft, ist Sarkis schnell bekannt, auch wegen seiner einnehmenden Rhetorik und seines Engagementes für die armenische Sache.

Mit einem One-Way-Ticket aus Frankreich nach Sowjet-Armenien

Und dann folgt die große Katastrophe, die das Leben des jungen Sarkis Hatspanian auf Jahre bestimmen sollte. Armenien, das noch Teil der Sowjetunion ist, wird im Dezember 1988 von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht, dem mindestens 25.000 Menschen zum Opfer fielen und der über bis zu einer Millionen Armenier obdachlos machte. Sarkis Hatspanian koordiniert humanitäre Hilfen aus Frankreich nach Armenien, merkt aber, das ihm das zu wenig ist. Ein Leben in Frankreich hat für ihn keinen Sinn mehr. Mit einem One-Way-Ticket in der Tasche geht er nach Armenien, in die fremde sowjetische Heimat, die in diesen Jahren auch einen Exodus erlebt – nur in die andere Richtung. Es sind dynamische Zeiten in Armenien, mit seinen Sprachkenntnissen in Französisch, Englisch, Deutsch, Türkisch und etwas Arabisch ist er ein wichtiger Multiplikator in Armenien für die Hilfe der Erdbebenopfer. Das Land ist aus dieser Heimsuchung noch nicht heraus, da bricht eine weitere Katastrophe über die Armenier herab. Nach Pogromen gegen Armenier in den aserbaidschanischen Städten Sumgait (im Februar 1988), Kirovabad (dem heutigen Ganja; im November 1988), in Baku (im Januar 1990), und dem Zerfall der Sowjetunion bricht der Bergkarabach-Krieg aus.

Sarkis hält nichts mehr in Jerewan. Die auch seinerzeit mit viel Geld hochgerüstete Armee Aserbaidschans bediente sich auch damals der Dienste von islamistischen Söldnern. Seinerzeit waren es tschetschenische Dschihadisten, die in Karabach unter aserbaidschanischer Flagge die christlichen Armenier in Bergkarabach (Arzach) angriffen. Sarkis organisiert über seine weltweiten Kontakte sowohl humanitäre Hilfe für die Menschen in Bergkarabach, kämpft aber auch weiter in seiner Einheit an der Front. Während des Karabach-Krieges lernen ihn auch die späteren Ministerpräsidenten Armeniens, Robert Kotscharjan und Sersch Sargsjan, kennen. Es gibt viele Videoaufnahmen von Besprechungen in Bergkarabach zwischen Robert Kotscharjan und Sersch Sargsjan mit Sarkis Hatspanian.

Sarkis wird mehrmals verwundet, kehrt aber immer wieder an die Front zurück. Seine Mutter stirbt bei jeder Meldung aus Armenien tausend Tode, ob ihm etwas zugestoßen ist. So wie der Rest seiner Familie. Er wird mehrmals für seine militärischen Verdienste ausgezeichnet. Sein Foto mit der aserbaidschanischen Oma ist auch nach dem Krieg in Armenien weiter omnipräsent. Armenische Schüler kennen das Foto mit Sarkis, es wird in Schulbüchern abgedruckt.

Anders als viele andere kehrt Sarkis Hatspanian Armenien in den Jahren der Instabilität und wirtschaftlichen Not nicht den Rücken. Er heiratet und bleibt in Jerewan. Auf seine Stimme, auf seine Expertise verzichtet man weder in Armenien noch in der Diaspora.

Offene und unerschrockene Worte gegen Oligarchen und repressive Politik

Er wird zu einer Brücke zwischen den Menschen in Armenien und der Diaspora, obwohl er keine klassische Karriere im Staatsapparat macht, auch wenn ihm von verschiedenen Lagern immer wieder lukrative Ämter angeboten werden. Er liebt die Unabhängigkeit und wird anders als andere kein reicher Mann in der Post-Kriegszeit in Armenien. Sarkis veranstaltet Konferenzen und Tagungen, die zur Begegnung von wichtigen Intellektuellen aus Europa und der Türkei mit den Intellektuellen und Künstlern Armeniens führen. Er spricht stets ein offenes, ungeschöntes Wort über die politische Lage in Armenien und wird dadurch als Kommentator und politischer Analyst immer beliebter in Armenien.

Das Land befindet sich Ende der neunziger Jahre zur Jahrtausendwende im festen Griff eines oligarchischen Machtapparats. Diejenigen, die politische Macht haben, wollen diese Macht in wirtschaftlichen Reichtum ummünzen, genauso wie die elitäre Schicht von Oligarchen sich politisch absichern will. In diesem Gefüge wird die Bevölkerung zum Spielball von wenigen. Ihr wird weder politisch noch wirtschaftlich Raum zur Entfaltung gelassen. Dies geht zulasten der armenischen Demokratie und führt zur einer Auswanderungswelle, nicht nur von Gebildeten und jungen Hoffnungsträgern. Sarkis spricht diese Missstände immer wieder an und gerät spätestens nach den Demonstrationen vom Februar und März 2008 in das Visier der Machthaber. Er war einer der Wortführer dieser Demokratie-Bewegung, die bis zu 25.000 Menschen auf dem Opernplatz versammelte und brutal auseinander geschossen wurde. Es gab mehrere Tote.

Lesen Sie auch:  Völkermord an Armeniern: Schweiz drückt sich um Klartext

Kurz danach, im November 2008, wird Sarkis wegen eines Interviews in einer Zeitung verhaftet und wegen falscher Vorwürfe angeklagt. In einem klar politischen Prozess wird er zu 3,5 Jahren Haft verurteilt – wegen eines Interviews in der Zeitung!

Politischer Häftling im eigenen Land

Brechen können die Machthaber Sarkis nicht, doch hinterlassen die Haft und die Haftbedingungen seelische und körperliche Spuren. Ein Diaspora-Armenier, der aktiv im Karabach-Krieg mitgewirkt hat, nicht in das bequeme Europa und Amerika geflohen ist, wird – weil er die Machthaber Robert Kotscharjan und Sersch Sargsjan in einem Interview angreift – ins Gefängnis gesteckt.
Obwohl während seiner Haftzeit eine Amnestie in Armenien erlassen wird, kommt er nicht frei und wird er weiterhin in Haft gehalten. Als Angehörige von Sarkis den Verteidigungsminister während eines Deutschlandbesuches ansprechen, macht der Minister, den Sarkis aus der Zeit in Karabach gut kennt, eine Bemerkung über den Grund für seine Inhaftierung: „Er spricht zu viel“, so der Minister auf Armenisch. So funktionierte das Armenien von Robert und Sersch.

Sarkis bleibt eingesperrt. Ende 2009 liegt sein Vater auf dem Totenbett. Trotz diplomatischer Garantien Frankreichs wird es Sarkis nicht erlaubt seinen Vater zu sehen. Der Botschafter Frankreichs hatte sich für einen Besuch des Vaters und anschließende Rückkehr ins Gefängnis verbürgt. Sein Vater stirbt im Januar 2010, ohne seinen Sohn Sarkis zu sehen. Sarkis lässt man nicht für einige Tage aus dem Gefängnis, so wie es seinerzeit jedem Inhaftierten im Trauerfall zustand. Sarkis wird verwehrt in einer Kirche ein Seelenmesse für seinen Vater beizuwohnen. Er zündet eine Kerze für die Seele seines Vaters an, in seiner Zelle im Gefängnis. Im Gefängnishof lässt er ein Totengebet vom Gefängnisseelsorger sprechen. Seine engsten Freunde sagen heute, dass damals der Keim für die tödliche Krankheit in Sarkis Körper gelegt wurde. Für Sarkis ist es die schlimmste Erfahrung seines Lebens.

Viele Menschen setzen sich für die Freilassung von Sarkis Hatspanian ein: von Abgeordneten des Parlaments in Bergkarabach in Stepanakert über türkische, kurdische Intellektuelle und Künstler bis hin zu Politikern in Europa. Sarkis Inhaftierung wird zum internationalen Politikum. In dem Armenien-Bericht 2011 des Kommissars für Menschenrechte des Europarates schreibt der verantwortliche Kommissar Thomas Hammarberg: „Der Kommissar fordert die armenischen Behörden nachdrücklich auf, Herrn Hatspanian freizulassen, da er bereits für eine vorzeitige Freilassung infrage kommt, und eine Lösung für seinen Status zu finden, damit er mit seiner Familie in Armenien bleiben kann.“

Sarkis Hatspanian spricht auf einer Kundgebung in Armeniens Hauptstadt Jerewan im Februar 2008, im Zuge von Massenkundgebungen gegen die mutmaßliche Fälschung der Präsidentschaftswahlergebnisse.

Am 9. Juni 2011 wird Sarkis aus der Haft entlassen, doch die Regierung lässt nicht von ihm ab. Zivilpolizisten belagern seine Wohnung, um ihn sofort in Abschiebehaft zu nehmen. Sarkis ist nämlich französischer Staatsbürger und mit einer Abschiebung würde das politische Establishment eine unbequeme Stimme aus Armenien loswerden. Doch Sarkis wehrt sich, lässt sich nicht abschieben, er will auch keinen befristeten Aufenthalt in Armenien, sondern strebt nach der armenischen Staatsbürgerschaft. Seine Familie erlebt wieder schwere Zeiten, seine Ehefrau und seine beiden Kinder in Armenien stehen unter immensem Druck und auch die Familie im Ausland macht sich große Sorgen, wenn er den französischen Pass abgeben sollte. Die Gefahr eines politischen Mordes wird damit akut.

Und wieder berichten die Medien, das Ausland schaltet sich ein, Diasporaorganisationen in Frankreich und den USA sind mehr als bestürzt über die unerbittliche Haltung der Regierung gegen Hatspanian. Nach erfolgreichem Kampf wird Sarkis Hatspanian tatsächlich armenischer Staatsbürger. Verrückt, wenn man bedenkt, dass viele Menschen, die Armenien verlassen hatten, alles in ihrer Macht stehende taten, um den armenischen Pass loszuwerden. Aber Sarkis verlässt Armenien – trotz vielfältiger Repressionen – nicht!

Anlaufstelle für Intellektuelle, Aktivisten und Künstler aus dem In- und Ausland

Sarkis setzt seine Arbeit als politischer Analyst und Kommentator, der spitz und ehrlich Wahrheiten ausspricht, fort. Er nimmt viele Einladungen ins Ausland an und arbeitet intensiv journalistisch. Große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten die Besuche von türkische und kurdische Intellektuellen die seine Einladung nach Armenien annehmen, als Zeichen der Aufarbeitung des Völkermordes. Seine Tagungen und Konferenzen zur armenischen Geschichte und Diaspora sind legendär. Er wird sinnbildlich in diesen Jahren zu einer One-Man-Diaspora Institution in Jerewan, bis der Sommer 2017 sein Schicksal besiegeln sollte. In Armenien wird ein aggressiver Krebs diagnostiziert, befreundete Mediziner raten Sarkis, sich in Europa behandeln zu lassen, da dort die Heilbehandlungschancen besser stehen. Freunde holen ihn nach Frankreich, die Chemotherapie beginnt sofort, es ist keine Zeit zu verlieren. Sein Freund Mardiros aus Lyon unterstützt ihm selbstlos und mit großem Einsatz gegen die Krankheit.

Es sind schwere Monate, die ihn körperlich fordern und erschöpfen. Doch Sarkis kämpft: Diesmal gegen einen Feind, der ihn ganz still und heimtückisch besiegen möchte. Vielen Freunden aus USA und Europa besuchen ihn in Lyon. Die „Organization of Istanbul Armenians“ aus den USA, zeichnen ihn mit der Hrant Dink Medaille aus. Für die Zeremonie reisen sie zu ihm nach Frankreich. Der Verein der Völkermordgegner aus Frankfurt erklärt Sarkis in einer sehr bewegenden Akt im Krankenhaus zum Ehrenmitglied.

In seinen letzten Wochen erinnert er sich immer wieder gerne an seine Vergangenheit. Er genießt es, die Geschichten aus seiner Kindheit von seiner Schwester zu hören. Es gibt ihm Kraft, wenn seine Schwester seine Lieblingsgerichte kocht, er von seinen Erinnerungen in Iskenderun erzählt, wie er beispielsweise auf dem Schoß des berühmten William Saroyan saß, als dieser auf dem Weg nach Bitlis in Iskenderun einen Zwischenstopp einlegte, an seine Zeit im Internat in Istanbul oder als er seine Mutter und seinen Vater in Deutschland besuchte und die Besuche seiner Familie bei ihm in Paris und Aix-en-Provence mit den wunderschönen Sommern, als seine Mutter ihm die Gerichte seiner Kindheit zubereitete. In vielen solchen Momenten erlebten wir den Kämpfer Sarkis sanft, zart mit einer großen Ruhe und Zufriedenheit. Auch als es ihm schlecht geht, verliert er seinen typischen aufmunternden Humor nicht. Besonders freut er sich über die Besuche der Familie Misak Manuschians, so wie er sich über die Besuche seiner alten Freunde und Weggefährten aus USA und Europa freute.

Sarkis blieb bis zu seinem letzten Atemzug kämpferisch und resignierte nicht. Am 20. Januar 2018 brachte die tückische Krankheit sein Herz zum Stillstand. Als besondere Würdigung ließen am selben Tag seine Freunde am Kapitol in Washington die amerikanische Fahne zu Ehren von Sarkis Hatspanian aufsteigen.

Hatspanians Tod wird zum Politikum

Er wurde nach Armenien überführt, doch dort setzte sich der Kampf weiter fort. Als Veteran des Krieges in Bergkarabach stand ihm ein Grab auf dem Ehrenfriedhof Yerablur zu. Trotz der klaren rechtlichen Lage und des Antrages der Familie ihn auf dem Heldenfriedhof Armeniens zu bestatten, verzögerte die Regierung unter Serge Sarkisian die Entscheidung ganz bewusst, um das letzte Kapitel im Kampf gegen Sarkis Hatspanian zu ihren Gunsten zu entscheiden. In der Hoffnung, dass die Familie aufgibt, sollte ihm ein Ehrengrab auf dem Heldenfriedhof verwert werden. „Das sind doch Auslandsarmenier, die reisen bald wieder ab“, war das Kalkül der Machthaber, um Sarkis ein Ehrengrab zu verweigern. Doch so wie Sarkis Hatspanian immer ein Kämpferherz bewies, ließ seine Familie sich nicht einschüchtern, sondern nahm den Kampf auf und wandte sich in einer Pressekonferenz der Nachrichtenagentur Noyan Tapan an die Öffentlichkeit.

So wurde sein Tot zum Politikum, das viel Unmut in Armenien hervorrief. Stunden nach der Pressekonferenz der Familie kam dann die Genehmigung; Sersch Sargsjan habe die Genehmigung persönlich erteilt, lies man die Familie wissen – als ob es nicht das Recht von Sarkis war, auf dem Heldenfriedhof Yerablur bestattet zu werden. Nach über einer Woche des Wartens konnte Sarkis Hatspanian dann endlich auf dem Heldenfriedhof Yerablur beerdigt werden. Sein Neffe Arman, sein Bruder Hagop und sein Sohn Nairi streuten mitgebrachte Erde aus Iskenderun, Istanbul, Paris und vom Grab seines Vaters aus Köln auf das Grab von Sarkis Hatspanian, das auf den Heldenfriedhof Yerablur seinen den Blick zum Ararat gerichtet hat.

Zum Sechs-Wochen-Amt wurde in Los Angeles eine armenische Bibliothek nach Sarkis Hatspanian benannt. In Berdzor, Lacin in Bergkarabach, haben seine Freunde aus Paris in einer Grundschule ein frisch renovierten Klassenraum mit dem Namen Sarkis Hatspanian bedacht.

Tot ist nur, der vergessen wird. Unvergessen bleibt Sarkis Hatspanian. In den Herzen und den Erinnerungen von vielen Menschen in Armenien und in der Diaspora lebt Sarkis weiter. Heute, am 12. Februar, ist Sarkis Hatspanians Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Sarkis!

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Weitere Themen

Politik

Das lettische Parlament, genannt Saeima, hat den Völkermord am armenischen Volk offiziell anerkannt. Eine entsprechende Erklärung wurde mit 58 zu 11 Stimmen, bei 7...

Bergkarabach

Aserbaidschan hält weiter Dutzende armenische Bergkarabach-Kriegsgefangene fest. Am 3. Mai forderten 121 Europaabgeordnete aus allen Fraktionen ihre sofortige Freilassung aus der illegalen aserbaidschanischen Gefangenschaft....

Bergkarabach

Militär aus Aserbaidschan hat armenische Pilger daran gehindert, an einem Sonntagsgottesdienst und einer Priesterweihe am 25. April im Kloster Dadivank teilzunehmen. Das Kloster liegt...

Politik

Joe Biden hat das monströse Kriegsverbrechen an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Genozid anerkannt – Bern (noch) nicht.